Nervtötendes Acapulco
Acapulco? Irgendwie hat dieses Wort einen zauberhaften Klang. Das klingt nach Tequila und Margaritas, endlosen Partys in traumhafter Umgebung, High Society und Ballermann in einem, oder so ähnlich.
Trügt der Schein? Ja. Jedenfalls wenn man Traveller ist und auch den Osten Mexicos kennt, die karibische Küste Yucatans zum Beispiel.

Acapulco
Aus irgendeiner Schnappslaune heraus haben wir von Oaxaca (am Ende einer 4-wöchigen Tour durch Mexiko) einfach mal einen Flug gebucht, der uns nach Acapulco brachte. Also, Ankunft: es ist warm, aber nicht so tropisch-feucht, wie in der Karibik. Ein Airport-Shuttle bringt uns zügig und günstig in die Innenstadt. Auf der Fahrt beschleicht uns schon das erste mulmige Gefühl: die Stadt wirkt hektisch, laut, verbaut, hässlich. Gut, wir fahren an ein paar tollen Hotels vorbei, aber die werden wir uns garantiert nicht leisten. Irgendwann werden wir in der City rausgeworfen. Ein hässliches Häusermeer um uns herum. Irgendwie nicht so dolle. Aber halt! Das stand doch alles in unserem Reiseführer. Acapulco, das ist eine etwas degenerierte Stadt, in der Horden von vergnügungs- und drogensüchtige Ami-Kids den berüchtigten Spring-Break feiern. Ihnen sei’s gegönnt, aber wir hatten Oktober, in USA sind keine Ferien, was bleibt ist die hässliche Location. Was also tun?

Im Slum von Pie de la Cuesta: das Leben ist ein Genuß!
Verschlafenes Nest: Pie de la Cuesta
Reiseführer aufgeschlagen: AHA! In der Nähe gibt’s ein kleines Kaff „Pie de la Cuesta“, soll ruhig und relaxed sein, eher ein „Geheimtipp“, aber was heißt das schon, unentdeckte Flecken gibt’s fast nimmer. Trotzdem sind wir hin. In Acapulco fahren immer noch VW-Käfer-Taxis rum, sehr ulkig, aber auch ein bisschen gefährlich. Die 10 Kilometer nach „Pie“ kosten 50 Pesos, ca. 4.50 Euro. Nachts muss man noch ein-bis zwei Euro drauf geben.
Pie de la Cuesta besteht im Prinzip aus zwei langen Strassen, und ein paar Querstrassem direkt an der Atlantikküste. Außer der Hotellinie am Strand finden sich nur Hütten in dem Dorf, die in einem bedenklichen Zustand sind. Sehr lässig fand ich die alten Männer, die in einer Hängematte vor ihren Buden liegen und frische Cocosnüsse verkaufen. Aber ansonsten gibt’s nicht viel zu sehen in „Pie“. Die Hotels, die es dort gibt, sind auch keine wirklichen Hotels, sondern mehr „Strand-Pensionen“. Der ganze Ort strahlt eine angestaubte Ruhe aus, so hab ich mir immer Cuba vorgestellt. Der Fortschritt ist an dem Ort vorbeigegangen, der Zahn der Zeit nagt mit großen Bissen, aber mehr als Sonne und ein paar Cocosnüsse scheinen die Menschen nicht zu brauchen.

Motto der "Villa Nirvana"
Another hard day in paradise
Unser Hotel der Träume hieß „Villa Nirvana“ und wird von einem entspannten, freundlichen und pensionierten Ehepaar (Pamela Fox und Daniel Reams) aus Virginia betrieben. Aufgrund von Umbauarbeiten bekamen wir ausgezeichnete, große Zimmer zum Vorzugspreis. Draussen konnte man in einer Hängematte baumeln, im SB-Kühlschrank an der Bar konnte man sich mit Kühlem versorgen (einfach Strichliste ausfüllen…), und wenn gerade der Haus-Chico da war, mixte der auch gleich Coctails nach Wunsch, für 25 Peso = 2 Euro. „Another hard day in paradise“ ist das Motto des Hotels… Es gab sogar einen Pool – mit ca. 35 Grad warmen Wasser. Um das Nachbarhotel „Puesta del Sol“ sollte man im übrigen einen weiten Bogen machen: so stell ich mir südamerikanische Gefängniszellen vor: kahl, schlechte Betten, Gitter vor den Fenstern. Da übernachten nur Masochisten drin!
Außer Rumgammeln, in der Hängematte liegen, Coctails trinken, lesen etc. kann man nicht viel machen in Pie, es sei denn man kann Jet Ski oder Wasserski fahren, dann hat man auf der an der anderen Ortsseite liegenden großen Lagune viel Spaß. An irgendeiner Häuserecke stand „Internet“ wo dran. Das vermeintliche Internetcafe (1 PC) befand sich dann fast in der Wohnstube eines Privathaushaltes. Man hatte also beim Checken der Mails gleich Familienanschluss, inkl. Hund, Katze, Maus.
Essen kann man übrigens super in dem einzigen Restaurant des Kaffs, „Coyuca 2000″. Es gibt zwar nicht viele Gerichte, aber der Hit ist der „Mojarra“ (Flussbarsch) mit hauseigener „Chapotl“-Salsa (eine Art dunkle Chilisauce). Die Sauce war so lecker, dass ich das ganze JEDEN Tag gegessen habe. Für das Rezept würde ich eventuell die etwas unvorteilhaft aussehende Tochter des Chefs heiraten. „Eventuell“ sagte ich…

Baywatch aufgepasst
Was nicht so toll an „Pie“ ist der extreme Wellengang. Und genau aus diesem Grund ist der Ort auch ziemlich verschlafen. Aufgrund der speziellen Küsten-Anatomie bricht der Atlantik mit voller Wucht auf den Strand. Dutzende von Metern hohe Wellen sind die Folge. Wer nicht gerade lebensmüder Surfer ist, sollte sich in respektvollem Abstand halten.
Abends wird man zwar mit einem tollen Sonnenuntergang belohnt (zu dem sich plötzlich der ganze Strand füllt), aber … na ja, in Begleitung eines Kumpels, was soll man damit schon anfangen…
Was kann man sonst noch in Pie machen ausser in der Sonne liegen: ach da gibt’s ja noch einen riesigen Lagunen-See, auf dem Fahrten in die Mangroven angeboten werden. Böse Touristenfalle, weil nämlich sterbenslangweilig. Man schippert ein bisschen aufm See, dann wird man für zwei Stunden auf ner schönen Insel abgeladen, wo Kaffee, Kuchen und andere Häppchen gibt. Da döst man dann in der Sonne, und wartet auf die Rückfahrt. Viel besser ist eine „selbstorganisierte“ Tour zu machen, die ist zwar teurer, aber bestimmt individueller und spannender. Pamela von der Villa Nirvana kann dazu Tipps geben.
Naja, zwischendurch waren wir auch noch mal in Acapulco, Felsenspringer angucken. Ist ganz spannend und lohnenswert, aber mein Bericht soll ja von Pie de la Cuesta handel. Die Felsenspringer sind in jedem besseren Reiseführer beschrieben.
Negativ in Acapulco ist uns übrigens das extreme „Hard-Selling“ von Strandverkäufern und anderen Typen aufgefallen. Mangels anderer Opfer haben die sich anscheinend alle auf uns gestürzt. Haben wir sonst nirgends so in Mexiko erlebt. Zum Glück lassen die Verkäufer sich leicht verscheuchen mit folgender Geste: Zeigfinger nach oben, und dann zur Seite hin und her winken, klappt sofort.
Von Pie kommt man mit einem Bus oder mit Taxis weg. Taxis kreuzen immer wieder im Dorf auf, und sind froh, wenn sie jemanden mit nach Acapulco nehmen können. Die Preisverhandlungen gestalten sich dadurch viel leichter.
Fazit: wer mal zwei-drei Tage einfach relaxen will und drauf verzichten kann, im Meer zu schwimmen, dem sei Pie de la Cuesta ans Herz gelegt. Pie bietet ein Kontrastprogramm zum eher nervtötenden Acapulco.
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