Südafrika #4: Perle im trostlosen Tal – Graaff-Reinet

Dienstag, 13.10.2009

Graaff-Reinet

Fährt man in den kleinen Ort Graaff-Reinet hinein, sieht man zuerst die Holländisch-reformierte Kirche am Ende der Hauptstrasse thronen. Der Ort gilt als die “Perle der Karoo” und Beispiel liebevoller Erhaltung der alten Bausubstanz. Ich hätte mir den Ort etwas größer vorgestellt, aber nun gut. Überall sieht man schön restaurierte Häuser im “Kap-holländischen Stil”, weiß getüncht, inmitten spektakulärer Landschaft.

Perle der Karoo - Graaff-Reinet

Perle der Karoo

Ich suche eine Unterkunft und finde die “Cambedoo Cottages” in der Parliament Street mitten in der Stadt, eine kleine Anlage mit Selbstverorgungshütten (Frühstück und Abendessen wird ebenfalls angeboten). Ich bekomme ein kleines Häuschen (Cottage) für mich ganz alleine, sehr geschmackvoll eingerichtet, mit großem Schlafzimmer und Fernsehzimmer. Pro Nacht 500 Rand, ca.45 Euro, inkl. Frühstück. Ich denke an unsere Italien-Urlaube: für dergleichen zahlt man dort locker das Doppelte, wenn nicht mehr.

Camdeboo-Cottages

Anschließend erkunde ich etwas das Städtchen. Wirklich sehr hübsch. Durch das frühe Aufstehen (5 Uhr), den Flug und die 3-stündige Autofahrt bin ich allerdings schon etwas ermattet. Das Örtchen ist nicht allzu groß, man kann in einer Dreiviertel Stunde eigentlich alles wesentliche erkunden. Ich besuche die Touristen-Info, die in zwei Räumen hunderte von Prospekten bereithält, und wo ich richtig persönlich beraten werde. Bin beeindruckt. Dann kaufe ich im Spar-Supermarkt ein paar Bierchen und Snacks, und gucke ein bisschen Fernsehen. Im Cottage gibts Pay-TV mit Spielfilmsender. Auch mal schön, ich esse Chips, trinke zwei Bier und schlafe ein…. für heute reicht es….

Camdeboo-Nationalpark

Mittwoch, 14.10.2009

Tal der Trostlosigkeit

Um 7 bin ich auf, bekomme ein leckeres Frühstück, und mache mich auf in den Camdeboo Nationalpark. Das nächstgelegene Eintrittstor (54 Rand Eintritt) führt zum “Valley of Desolation”, dem “Tal der Trostlosigkeit”. Zunächst geht es mit dem Auto eine Viertelstunde steil auf ein Bergplateau, von wo man einen fantastischen Blick auf das Tal hat. Das Tal ist alles andere als trostlos. Bizzare Felsformationen und die unendliche Weite der (Halb-) Wüste, der Karoo. Der “Leguan-Wanderweg” (Lizzard-Trail) führt vom View Point noch eineinhalb Kilometer rund um das Hochplateau, und hinter jeder Wegbiegung sind andere neue, spektakuläre Blickwinkel geboten. Die landschaftliche Pracht fasziniert mich sehr, ich kann mich gar nicht sattsehen. Ziegelrot die Felsen, dazwischen das Grün und Gelb der Büsche und Gräser. Auf einem Felsen sehe ich einen “Rock Dassie”, das sind ganz putzige Tierchen, so eine Art Murmeltier.

Tal der Trostlosigkeit

Geocaches

Auf dem Rückweg suche und sammle ich noch zwei Geocaches auf. Geocaches sind diese kleinen Schachteln, die irgendjemand (sog. Geocacher) in der Landschaft versteckt und die man mit Hilfe eines GPS-Gerätes finden muss. Die Koordinaten von ca. huntert solcher Verstecke in Südafrika habe ich mir schon zuhause auf mein GPS runtergeladen. Dieses “Hobby” hat also auch schon in Südafrika Freunde gefunden. Manchmal lernt man durch die Geocaches ganz neue Locations kennen, die in keinem Reiseführer stehen; die Caches in Graaff-Reinet sind aber leider etwas einfallslos platziert an Stellen, wo man eh hinkommen würde.

Geocache gefunden!

Kurz bevor ich wieder am Gate ankomme, noch ein Highlight: ein Prachtexemplar von Leguan, einer Riesenechse, fast einen Meter lang, trottet langsam auf der Fahrbahn dahin. Ich halte, steige aus, will Fotos machen, da bemerkt er mich, und schwusch, ist er unter einem Strauch verschwunden. Erstaunlich, wie schnell die plötzlich rennen können.

Nach einem herzhaften Mittagessen (Steak!) beschliesse ich, in einen kleinen Ort namens Nieu Bethesda zu fahrem, weil dort ein sehr sehenswertes und einzigartiges Skulpturenmuseum zu finden ist.

Dirt-Road nach Nieu Bethesda

Nieu Bethesda

Erstmal gehts zig Kilometer die nagelneue Landstrasse entlang, Richtung Middelburg, die Gegend wird immer einsamer, riesige Felsformationen liegen inmitten unendlicher Weite. Nach einer halben Stunde Fahrt die Abzweigung nach Nieu Bethesda! Leider gesperrt, wegen Straßenbauarbeiten. Also nochmal 20 km gerade aus, die Landschaft wird immer weiter und einsamer. Dann die nächste Abbzweigung, aber was ist das: nach Nieu Bethesda sind es nochmal 25 km. Aber nicht auf einer so schönen Landstrasse, sondern auf einer Dirt Road (Schotterstraße). Ich brettere mit 70 über die staubige, buckelige und kurvige Piste, das macht einen Heidenspaß. Schade, dass ich kein Allradfahrzeug habe. Ab und zu knallen Steine heftig gegen den Unterboden, also mache ich doch etwas sachter.

Irgendwann taucht dann Nieu Bethesda aus, zuerst sieht man die holländische kleine Dorfkirche. Der Ort ist eine kleine Oase mitten in der Wüste. Drumherum ist im Umkreis von 60 km nichts, nur dürre Sträucher, vertrocknete Gräser, viel Staub und Steine. Die Leute leben entweder von ihrer Rente oder vom Tourismus, Landwirtschaft gibts schon seit Jahrzehnten nicht mehr in dieser unwirtlichen Gegend.

Ganz wichtig, Straßennamen!

Eulenhaus

Wichtigster Grund, um dem Ort einen Besuch abzustatten, ist das “Owl House”, das Eulenhaus, der in den 70ern verstorbenen Künstlerin Helen Martins. Die Dame hat in ihrer zweiten Lebenshälfte eine völlig bizzare Skulpturenwelt aus Beton und Glas geschaffen. Manche meinen, die Dame war keine Künstlerin, sondern dem Wahnsinn verfallen, jedenfalls sind die Skulpturen absolute Unikate: zu sehen nackte Männer und Frauen, Krippenszenen, Kamele, Eulen, alle aus Beton geformt, mit eingearbeiten Flaschen und Glasscherben. Zudem hat sie ihr eigenes Haus in eine Art skuriles Museum verwandelt.

Im Eulen-Haus

Nach dem Museumsbesuch schlendere ich durch das Dorf. Es wirkt nachmittags um 5 wie ausgestorben, die Sonne brennt. Einige Cafes haben noch auf, ich gehe ins “Outsiders” und trinke Cola. Dabei komme ich mit einer anderen “Helen” ins Gespräch, einer Schweizerin, die vor Jahrzehnten zu ihrem südafrikanischen Mann gezogen ist, und hier nun vom Verkauf von Cafe, Kuchen und Kunstgegenständen lebt. Ich kann mir das gar nicht vorstellen: die nächste menschliche Behausung ist über eine Stunde entfernt. Aber offensichtlich mögen es die Menschen dort so einsam und abgeschieden. Hätte ich in diesem Urlaub noch mehr Zeit, würde ich sogar auch dort eine Nacht verbringen, die Ruhe im Ort ist ansteckend und entspannend.

Auf dem Weg zurück in die Zivilisation

Auf dem Weg zurück geniesse ich den Sonnenuntergang, der die Karoo in ein wohliges rötliches Licht taucht.

Bongani

Abends gehe ich noch aus, ins Maestro’s, einem Kneipenrestaurant. An der Bar lerne ich Bongani Mgijima kennen, der ein kleines Museum in Grahamstown leitet, und der mit ein paar Bieren “die Hitze neutralisiert” – den Spruch muss ich mir merken. Bongani hat sein Hobby – Museen – zum Beruf gemacht. Als Austauschstudent war er in Schweden und schwärmt von der eurpäischen Museumskultur. Als ich ihm erzähle, dass ich demnächst nach Oudtshoorn und dann evtl. nach Montagu fahre, bittet er mich, unbedingt im Montagu-Museum vorbeizuschauen, welches von seiner Schwester Nonkosi geleitet wird. Ich filme mit meiner Kamera sogar noch eine kleine Grußbotschaft für sie, die ich aber nicht verstehe, da er und seine Schwester untereinander Xosa sprechen.

Thresenkumpel Bongani

Donnerstag, 15.10.2009

Hiking Trail

Heute habe ich mir eine Wanderung durch den Camdeboo Nationalpark vorgenommen. Nachdem ich mir wieder eine Eintrittskarte besorgt habe, kann’s losgehen, 16 km durch die Halbwüste, nur Steine, Sträucher, Gräser, Kakteen, aber tolle Aussichten, und eine fast unberührte Natur. Ich sehe oder treffe nicht eine Menschenseele. Der Weg “Eerstefontein Wanderweg” ist vorbildlich markiert. Zunächst ist es easy, es geht auf schmalen Gras- oder Schotterwege Richtung Berge, dann wird die Landschaft immer felsiger, steiler, ich muss klettern. Etwas besorgt stelle ich fest, dass ich wohl zu wenig Wasser und Proviant dabeihabe. Ein Liter Wasser und eine angebrochene Tüte getrocknete Apfelringe. Mein Magen knurrt schon nach einer Stunde. Obwohl bewölkt, komme ich mächtig ins Schwitzen, so anstrengend habe ich mir das nicht vorgestellt. Nach gut zweieinhalb Stunden habe ich laut meinem GPS gerade mal 8 km geschafft, die Hälfte, und nirgends gibts eine Hütte wie in den Alpen, wo Schweinsbraten und Weißbier auf mich warten. So langsam wird meine Stimmung etwas trüber, ich bin ziemlich ausgelaugt. Die Landschaft ist aber überwältigend.

Auf geht's!

Meine Laune wird aufgeheitert durch eine riesige Schildkröte, die gemächlich auf dem Weg vor mir schleicht. Als ich ihr den Weg abschneide, um Fotos zu machen, fängt sie bedrohlich an zu fauchen und macht kehrt. Nebenbei sehe ich auch noch etliche Kudus oder sonstige große Hirsche, leider nur in respektvoller Entfernung.

Mühsam nährt sich die Schildkröte

Irgendwann huscht dann noch eine dicke braune, mehr als eineinhalb Meter lange Schlange über den Trampelpfad vor mir. Na das wär was für meine Liebste. Sie verschwindet zügig unter einem großen Dornenbusch. Ich gehe ihr vorsichtig nach, um vielleicht noch ein Foto zu schiessen, aber sie ist schon auf und davon. Ab sofort gehe ich mit noch festerem Schritt und wacherem Auge. In Südafrika sind allerdings die Puffottern berüchtigt, die sich auch durch Getrampel in ihrem Schlaf nicht stören lassen. Wenn man auf sie tritt, dann beissen sie meist den nachfolgenden Wanderer, da sie keine Schnellmerker, sondern ziemlich träge Viecher sind – laut unserem Guide Anddrews im Krügerpark. Die Puffottern sind nicht unbedingt die allergiftigsten Schlangen, aber wenn man sich noch drei Stunden in die Zivilisation schleppen muss, wird es brenzlig.

Wanderweg

Nach über 5 Stunden komme ich total fertig wieder am Auto an. Fahre dann sofort zu einem der Burger-Läden, die es in Südafrika an jeder Ecke gibt, wie in Amerika, und verschlinge einen riesigen Cheeseburger plus einem Liter Cola. “Zuhause” trinke ich dann noch einen Liter Wasser und drei Tassen Tee, danach gehts mir erstmal besser.

Verdorrt wie ich

Abends esse ich wieder mal Steak im Spur’s, einer südafrikanischen Steakkette. Mich irgendwo alleine in ein gediegeneres Restaurant zu setzen habe ich keine Lust. Großes fabelhaft gegrilltes Rump-Steak, mit Beilagen und Salat von der Bar, dazu Bier und Espresso, umgerechnet 11 Euro. Die Preise sind allerhöchstens halb so teuer wie daheim. In der Kneipe kriegt man ein kleines Bier (0.3 Flasche) für 1 Euro. Am besten ist Carling Black Label, geht runter wie Öl.

Carling Black Label ... ich würde glatt Werbung für machen!

Freitag, 16.10.2009

Am nächsten Tag ist leider schon wieder Aufbruch angesagt. Zunächst fahre ich westwärts nach Oudtshoorn faren (300 km), der Hauptstadt der Straussenzucht des Landes, dort bleibe ich zwei Nächte. Anschliessend nach Montagu über die landschaftlich wunderschöne Route 62. Danach entweder nach Hermanus, um Wale zu beobachten, oder gleich nach Kapstadt.

Nach Oudtshoorn ... gäähn ...

Die Fahrt nach Oudtshoorn ist mehr oder weniger langweilig. Die ersten 160 km sind öde ohne Ende, nur Gras und Steppe, flach. Immerhin komme ich gut voran, die Landstrasse ist super ausgebaut, Höchstgeschwindigkeit ist 120. Nach der Hälfte wirds dann landschaftlich interessanter, massige Felsformationen tauchen auf.

Vor Oudtshoorn

70 km vor Oudtshoorn dann der erste Strauss, hat sich vermutlich verirrt, steht hinter einem Zaun und guckt ein wenig dumm aus der Wäsche.

die erste Straußenfarm vor Oudtshoorn

Innerhalb von drei Stunden gerate ich in drei Verkehrskontrollen. Die Polizei will wohl die ganzen Schrottlauben aus dem Verkehr ziehen, und mein Fahrzeug wird untersucht. Gestern war auch schon den ganzen Tag und noch Abends in Graaff-Reinet Verkehrskontrolle. Sobald ich meinen deutschen Führerschein zeige, sind die Polizisten immer begeistert und halten mich für einen Verwandten von Michael Schuhmacher! Ich darf dann immer sofort Gas geben! Meinen tollen “Internationalen Führerschein”, den ich mir umständlich besorgt habe, interessiert keine Sau.

Gegen Mittag komme ich im Backpackers Paradise an, beziehe mein kleines Zimmer und beantworte meine Mails.

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